 
{"id":105,"date":"2020-07-31T16:23:03","date_gmt":"2020-07-31T16:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/block89.de\/?p=105"},"modified":"2020-07-31T16:29:17","modified_gmt":"2020-07-31T16:29:17","slug":"unter-geiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/block89.de\/index.php\/2020\/07\/31\/unter-geiern\/","title":{"rendered":"Unter Geiern"},"content":{"rendered":"\n<p>Mieter*innen-Echo | 304 | 2004<\/p>\n\n\n\n<p><em>Julia Oppermann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die GSW, das Land Berlin und der dreik\u00f6pfige H\u00f6llenhund Cerberus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch ist der Vertrieb von Hedge Fonds in Deutschland nicht zul\u00e4ssig, doch ist das f\u00fcr Sarrazin, Fugmann-Heesing und Co. kein Grund, einem Hedge Fonds Berliner Wohnungen verweigern zu wollen. Hedge Fonds sind das gegen-w\u00e4rtig letzte Produkt kapitalistischer Gesch\u00e4ftemacherei. Mit klassischer\u201a Mehrwertproduktion hat das alles nichts mehr zu tun, aber viel mit Aas-geierei. Wobei den n\u00fctzlichen V\u00f6geln durch solchen Vergleich gro\u00dfes Unrecht angetan wird. Denn trotz \u00e4hnlichen Existenzprinzips wirken Aasgeier der Verwesung entgegen, Hedge Fonds hingegen f\u00fchren sie herbei indem sie nur die lukrativen Partien ihrer Beute verwerten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Ulric Papendick schreibt im Manager Magazin \u00fcber den sehr erfolgreichen Hedge Fonds Cerberus: <em>\u00bbDer Name passt. Feinbergs Firma Cerberus Capital Management hat sich auf ein Gesch\u00e4ft spezialisiert, mit dem andere Finanz-institute wenig zu tun haben wollen. Be-teiligungsfonds wie Cerberus investieren mit Vorliebe in Unternehmen, die kurz vor dem Bankrott stehen. Die Methoden der Fonds-manager suchen selbst an der wenig zim-perlichen Wall Street ihresgleichen. Die Investmenth\u00e4user kaufen den Kreditgebern von Pleitekandidaten die Schulden ab und \u00fcber-nehmen als gr\u00f6\u00dfter Gl\u00e4ubiger die Kontrolle im Unternehmen. Dann verkaufen sie die Firmen weiter \u2013 oder sie schlachten sie aus. \u201eVultu-res\u201c, Geier, wird diese Spezies von Investoren im Finanzjargon genannt. Ein Begriff, der sowohl die Funktion der Branche als auch ihre Vorqehensweise treffend beschreibt.\u00ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar sind solche \u00bbGeier\u00ab gerade der richtige Verhandlungspartner f\u00fcr die Spezies von Politikern, die mit unverkennbar morbider Lust soziales Kapital der Vernichtung zuf\u00fchren, indem sie es auf den Markt schmei\u00dfen und folgerichtig hat der H\u00f6llenhund aus New York auch f\u00fcr die GSW (Gemeinn\u00fctzige Siedlungs-und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH) geboten.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abgaben zu Gunsten des Haushalts<\/strong><br><em>\u00bbEntwickelt und getestet haben die Geier-Fonds ihr fundamental-kapitalistisches Ge-sch\u00e4ftsmodell \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 in den USA. Von den Unternehmen, die ihnen dort unter die Krallen gekommen sind, ist oft kaum noch etwas \u00fcbrig geblieben,\u00ab<\/em> so das Manager Magazin weiter.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss dem H\u00f6llenhund Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er kann nur dort wirken, wo ihm zuvor der Boden bereitet worden ist. Ein Unternehmen muss bereits zum Sanie-rungsfall geworden sein, bevor die Leichenfledderei beginnt und dass dies bei den Berliner Wohnungsbaugesellschaften der Fall ist, geht nicht zulasten von Cerberus, sondern geh\u00f6rt u.a. zu den Verdiensten des ehemaligen \u2013 inzwischen selbst dem politischen Hades \u00fcberantworteten \u2013 Stadtentwicklungssenators Peter Strieder.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt die Wohnungsbaugesellschaften politisch zu kontrollieren, zu ordentlichem und sozialen Arbeiten anzuhalten, dienten diese einer Senatspolitik, die selbst nur von der Hand in Mund lebte, als auszuweidende Objekte. Zwar geh\u00f6ren alle Gesellschaften dem Senat, aber eine Gesellschaft musste die andere kaufen und den Erl\u00f6s abf\u00fchren. Au\u00dferdem mussten Sonderdividenden durch den Kauf von virtuellen Grundst\u00fccken geleistet werden. Alles in allem konnte man auf diese Weise 1,8 Mrd. Euro des Gelds, das sich unter anderem durch die Mieteinnahmen angesammelt hatte, den Wohnungsbaugesellschaften entziehen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Und weil auch das nicht reichte, wurden sie kostenpflichtig in die abenteuerliche Berliner Stadtentwicklungspolitik eingespannt, wie zuletzt die DEGEWO (Deutsche Gesellschaft zur F\u00f6rderung des Wohnungsbaues, gemeinn\u00fctzige Aktiengesellschaft) bei dem \u00fcber-fl\u00fcssigen sich in der Planung befindenden Renommierprojekt, dem Multifunktionszentrum zwischen Jannowitzbr\u00fccke und Alexander-platz.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>\u00bbEiner der reichsten Geier-Fonds weltweit\u00ab<\/strong><br>Den Erfolg dieser Politik konnten die Unternehmensberater von Ernst und Young, deren globale Aufgabe darin besteht, der Privatisierung von \u00f6ffentlichem Verm\u00f6gen weltweit den Anschein von Vernunft zu verleihen, nicht ohne S\u00fcffisanz in ihrem von der Senatsverwaltung in Auftrag gegebenen Bericht konstatieren und die immer gleiche Empfehlung, die sowieso jeder, insbesondere ihr Auftraggeber, von ihnen erwartet hatte, aussprechen: Die Gesellschaften seien so \u00fcberschuldet, da helfe nur, sie an private Investoren zu verramschen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Auf die privaten Interessenten, die Gebote abgegeben haben, k\u00f6nnen die Verk\u00e4ufer Sarrazin, Fugmann-Heesing und Co. stolz sein. Es waren neben dem Pensionsfonds Lone-Star, der sich schon in Hellersdorf eingedeckt hatte, der Finanzjongleur Soros und eben der letztlich erfolgreiche Hadesw\u00e4chter Cerberus.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegr\u00fcndet wurde das traditionsreiche Unternehmen 1992 von dem damals 32-j\u00e4hrigen Stephen Feinberg. Ulrich Papendick wei\u00df im Manager Magazin mitzuteilen: <em>\u00bbDer H\u00f6llenhund ist einer der reichsten Geier-Fonds weltweit. Und Feinberg einer der reichsten Finanzakrobaten: 1999 tauchte der Princeton-Absolvent, damals 39, mit einem gesch\u00e4tzten Privatverm\u00f6gen von 274 Mio. Dollar auf der \u00bbFortune\u00ab-Liste der 40 reichsten Amerikaner unter 40 auf. Seit der Gr\u00fcndung des Fonds hat Cerberus 25 Mrd. Dollar in etwa 300 Unternehmen rund um den Globus investiert. Die Firma z\u00e4hlt unter anderem den ehemaligen US-Vizepr\u00e4sidenten Dan Quayle zu ihren Beratern.\u00ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sozial gesehen, ist es sicherlich zu begr\u00fc\u00dfen, dass der Ex-Vize-Pr\u00e4sident nicht g\u00e4nzlich arbeitslos geworden ist. Aber in New York, dem Firmensitz hat er nur noch ca. 200 Kollegen. In Deutschland, wo eigens djr Cerberus Deutschland GmbH zu dem Zweck gegr\u00fcndet wurde, \u00fcber drei bis vier Mrd. Euro haupts\u00e4chlich im Immobilienbereich zu ver-senken, sind bisher ganze 17 Besch\u00e4ftigte mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe betraut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Ralph Winter, Senior Vize Pr\u00e4sident, erl\u00e4uterte unl\u00e4ngst die unterneh-merischen Kalkulationen. Modernisierungen und Instandhaltungen mit entsprechenden Mieterh\u00f6hnungspotenzialen erschienen mit gro\u00dfen Risiken behaftet. Der Markt f\u00fcr Ver-k\u00e4ufe aller Art, seien es einzelne Wohnungen, Wohnanlagen oder ganze Pakete an private Investoren oder Genossenschaften sei wegen schwacher Nachfrage z. Zt. eher skeptisch einzusch\u00e4tzen, von Steuervorteilen k\u00f6nne man nicht allzu viel halten und Investitionsver-pflichtungen seien keine unternehmerische Chance, sondern eine Bedrohung des Profits.<br>Aber die Kosten- und Renditestruktur der GSW ist f\u00fcr Cerberus von gro\u00dfem Interesse. Kosten verursacht die Verwaltung und da zeigen sich deutliche Einsparungspotenziale und Rendite bringen die Mieten, die bei der GSW noch l\u00e4ngst nicht ausgesch\u00f6pft sind.<br>Alles in allem sind die Perspektiven f\u00fcr Cerberus freundlich. Die Mieter\/innen werden mittelfristig sicherlich mit Mieterh\u00f6hungen zu rechnen haben und eine Reihe der Be-sch\u00e4ftigten der GSW k\u00f6nnen demn\u00e4chst ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dennoch eine Bilanz, die in den Privatisierungspolitikern dieser Stadt gewisse Gl\u00fccksgef\u00fchle hervorrufen muss, denn in Frankfurt gibt es schon jetzt 17 Arbeitspl\u00e4tze mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mieter*innen-Echo | 304 | 2004 Julia Oppermann Die GSW, das Land Berlin und der dreik\u00f6pfige H\u00f6llenhund Cerberus. Noch ist der Vertrieb von Hedge Fonds in Deutschland nicht zul\u00e4ssig, doch ist das f\u00fcr Sarrazin, Fugmann-Heesing und Co. kein Grund, einem Hedge Fonds Berliner Wohnungen verweigern zu wollen. 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